SwissTXT, Biel/Bienne

 

NewsWire Multimedia® besteht Feuerprobe
Noch laufen im altgedienten NewsWire 2000 die Agenturmeldungen ein - aber nur noch als Back-Up für den kaum wahrscheinlichen Ausfall des neuen Agentursystems. In den Redaktionen und dem Programmdienste Service sind die Redaktorinnen und Redaktoren seit Anfang April auf das neue NewsWire Multimedia® geschult worden und umgestiegen. Pragmatisch, wie meist in den Redaktionen, ging der Umstieg auf das neue System ohne grosses Aufsehen über die Bühne, Zuerst mussten aber einige jahrelange Gewohnheiten geändert werden. Aber die Ausserung «gar nicht so übel» kann als «OK» seitens der Redaktion und somit als erfolgreiche Installation angesehen werden.

Aus der Evaluation von sieben offerierten Agentur- und Newsroom-Systemen in der Preisspanne zwischen 50'000 und 500'000 Franken wurden von der Projektgruppe vier Anbieter in die engere Wahl gezogen. Die anderen Systeme beeindruckten durch eine Vielfalt der Produktionsweise, die vor allem in Fernsehstudios eingesetzt wird. Für SWISS TXT waren diese Gross- Systeme technisch zu umfangreich und auch preislich “eine Schuhnummer” zu gross. Die vier verbliebenen Anbieter erhielten schliesslich die Chance, ihre Produkte den Verantwortlichen von IT Services und Redaktionen in Biel zu präsentieren.

Systeme aus aller Herren Länder evaluiert
Das Newsroom-System NCPower von NorCom aus Deutschland, das optisch dem bisherigen Newswire entspricht und aus diesem hervorgegangen ist, steht bei RTL und der früheren KirchMedia im Einsatz. Die spezielle Datenbank und der Preis haben aber gegen das Produkt gesprochen. Ebenfalls eine Newsroom-Lösung präsentierte OCTOPUS, eine junge britisch-tschechische Unternehmung, mit dem gleichnamigen Produkt zu einem sehr attraktiven Preis. Die Funktionsfülle von OCTOPUS war fast schon überwältigend für den Einsatz nur in der Text-Produktion. Ein in Europa noch unbekanntes System, das australische NewsBoss, ein gut eingeführtes Radio-Nachrichten-System im Einsatz in vielen kleinen Stationen in Ozeanien, Südamerika und bei den US-Streitkräften, wurde vom Marketingchef persönlich vorgestellt, der dafür aus Washington einflog. Trotz des äusserst attraktiven Lizenzmodells wäre das System bei SWISS TXT aber etwas gewöhnungsbedürftig und der Support von Australien aus nicht unproblematisch.
Aus der Evaluation der vier Anbieter ist schliesslich der Entscheid für das System NewsWire Multimedia® von Jürgen Ulloth aus Babenhausen bei Frankfurt a.M. gefallen. Das Agentursystem als stand alone-Lösung steht bei rund 800 Medienbetrieben und Kommunikationsabteilungen von Grossunternehmen europaweit im Einsatz. In der Schweiz sind die Regionalstudios und die Sendestandorte Basel und Zürich und die Online- Redaktion von Radio DRS mit News- Wire Multimedia® ausgestattet. Die eigentliche Newsredaktion von Radio DRS in Bern arbeitet seit März 2005 mit dem neu installierten System Dalet OpenMedia mit einer digitalen Audio-Datenbank, basierend ebenfalls auf einer Weiterentwicklung von Newswire 2000.

Seit dem 4. April auf Draht
Die entscheidenden Faktoren für die Wahl von NewsWire Multimedia® in der aktuellen unklaren Stellung des Unternehmens innerhalb der SRC SSR idee suisse waren der konkurrenzlose Preis, die rasche Implementierung und der geringe Installationsaufwand von zwei Tagen; eine Datenbank, die in die bestehende Systemumgebung passt sowie der geringe Schulungsaufwand für die Redaktionen. Die Installation erfolgte Anfang März mit einer anschliessenden Übungsphase in den Redaktionen und einem detaillierten Briefing für die SuperUser durch den Hersteller am 1 . April. Ab dem 4. April 2005 begann die Red DS und ab dem 11. April die Red SR mit der Schulung, gefolgt von der Red Sl. Die PDS und die Sportredaktion haben das System nahtlos übernommen und arbeiten ebenfalls schon damit. Derzeit werden noch die letzten Konfigurationen angepasst, die im Laufe des Monats Mai abgeschlossen werden können. Dazu gehört auch das neue zusätzliche Tool Messenger, mit dem die Kommunikation über die Stockwerke vereinfacht wird und Telefon und E-Mail für die interredaktionelle Koordinationen (FLASH-SMS,Alarme, Dienstinformationen usw.)ersetzen werden können.

Problemloser Umstieg
Ohne grosses Aufsehen sind die Redaktorinnen und Redaktoren auf das neue System umgestiegen. Einziger Wermutstropfen ist der Wegfall von Funktionen, die man sich über lange Jahre angeeignet hat und im neuen System anders gelöst sind. Insgesamt ist das neue System stabiler und schneller und ist intuitiv benutzbar. Die Schaltflächen, Anpassungen und das Auswählen von Agenturen und Kategorien mittels Schaltflächen seien “geradezu primitiv einfach”, verlautete von Danielle Gasser im 10. Stock. “Gar nichts für mich als Maus-Benutzer”, stöhnte hingegen Urs Flückiger, weil in NewsWire Multimedia praktisch alle Funktionen ohne Maus mit Tastatur- Funktionstasten und Short Cuts aufgerufen werden können. Für Beat Born, der noch Lettern im Bleisatz gesetzt hat, ist das Ganze noch etwas “gar zu bunt”.

 

Da hilft nur die Datei “Einstellungen”, wo sich jede/r Redaktor/in nach eigenem Geschmack das Farbschema seiner persönlichen Einstellungen anpassen kann. Wenig Einfluss hat das System hingegen auf die chaotische Beschlagwortung der Meldungen durch die internationalen Agenturen. Zwar gibt es einen weltweiten IPTC-Standard, der aber von jeder Agentur mit eigenen Regeln ergänzt wird und so jedes System überfordert. Als Hausaufgabe für die Agenturen extrahieren wir nun in Kleinarbeit aus den Kopfzeilen die geheimnisvollen Codezeichen der Agenturmeldungen wie z.B. “bsd0001 chx”, um daraus Inlandmeldungen der SDA mit einer bestimmten Priorität filtern zu können, damit nicht jede Meldung als «EIL» in einem Pop-up-Fenster geöffnet wird...Die Filterfunktionen haben eine veränderte Logik, die am Anfang Stirn- unzeln provozierte, aber an die man sich rasch gewöhnt. So können eigene Filter nach Wunsch programmiert werden, welche eine so genannte Forward Search (Vorwärtssuche, also Filterung von definierten, neu eintreffenden Meldungen) erlauben sowie eine analoge Suchfunktion, die wie Google funktioniert und zeitlich rückwärts im Langzeitarchiv sucht (Archiv Suche).
Neu im Vergleich mit dem bisherigen Agentursystem besteht ein Datei- Ablagesystem in einer Felder-Struktur, in das per “drag&drop” Meldungen in private Archive und Gruppen-Archive abgelegt werden können. Vorschauen, Tagesprogramme und redaktioneller “Pflichtstoff” können so von den Redaktions- und Programmverantwortlichen in eine Gruppenablage verschoben werden und geben damit der Dienstredaktion die Möglichkeit, als Gruppe die noch zu erledi- genden Meldungen aus einer gemeinsamen Ablage heraus zu verteilen und abzuarbeiten.
Als attraktive, redaktionelle Workflow-Eigenschaft schätzen die Redaktorinnen und Redaktoren, dass alle eingehenden E-Mails in die Mailaccounts der Redaktionen als Kopie direkt ins Agentursystem weitergeleitet werden. Communiqués oder Presseaussendungen erreichen somit zeitgleich die Agenturen wie auch SWISS TXT und können direkt in NewsWire Multimedia verarbeitet werden. E-Mail- Attachments in Standardformaten (.doc, .pdf, .htm), Bilder oder Video- und Audio-Files werden aus NewsWire Multimedia direkt mit dem Anwendungsprogramm oder Player gestartet und betrachtet. Hyperlinks und Mail-Adressen können per Mausklick im Webbrowser geöffnet oder mit Outlook versendet werden.
Schliesslich erlaubt der hauseigene “TXT-Kanal”, dass jede Redaktorin und jeder Redaktor einen lnput (mit Multimedia-Beilagen) als neuen, eigenen Beitrag ins Agentursystem eingeben kann. Wer aus einer Quelle eine Information übernimmt, kann diese mit der Funktion “Senden an Pool” in den Nachrichteneingang schicken,auf Wunsch sogar als Pop up. Alle eingeloggten Redaktorinnen und Redaktoren erhalten einen lnput somit zeitgleich und können reagieren. Auf die gleiche Weise wird in Zukunft die “Letzte Meldung” von ausländischen TELETEXT-Anbietern abgefangen und in den “TXT-Kanal” gespeist, so wie das jetzt bereits mit den wichtigsten SMS “FLASH_100” in allen drei Sprachen und aus dem Sport der Fall ist. Mit NewsWire Multimedia© sind alle User jederzeit über die Produktion in den anderen Redaktionen auf dem Laufenden.
Wie auch immer die zukünftige Produktionsweise und Produktpalette der Redaktionen von SWISS TXT aussehen mag, der weitaus grösste Teil der Informationen für alle journalistischen Produkte stammt aus dem weltweiten Netz der Nachrichtenagenturen. Um diesen Nachrichtenfluss am Laufen zu halten, wendet SWISS TXT jährlich fast eine Million Franken auf. Auch wenn sich die Formate und Inhalte der Nachrichtenagenturen in der nahen Zukunft ändern werden, ist dieses “Grundrauschen” im Nachrichtenfluss die Basis der Produktion in Redaktionen, ob nun bei Radio, Fernsehen oder Zeitungen, in Online-, SMS- oder TELETEXT-Redaktionen. Jeder weitere Added-Value-Content basiert letztlich auf einem Ereignis, das eine publizistische Hürde überwunden und die Nachrichtenkriterien erfüllt hat, bevor es im Netz der Agenturen verbreitet wurde. Noch vor jedem verwertbaren Bild, Hyperlink oder weiterem Multimedia-Content (Video oder Audio) steht das Ereignis selbst und daraus immer zuerst mal ein Telefonanruf oder eine kurze Textmeldung - “Breaking News” oder die “Letzte Meldung”, schnell das Wichtigste in Kürze. Ein funktionierendes Agentursystem bleibt damit Basis unseres Kerngeschäfts - ob analog oder digital. ob in Biel. Bern oder Zürich.

Norbert Kurz